Die NATO hat zum Glück dazu gelernt und fährt wieder im Kreis um voranzukommen. Ihr neues Programm “Rockets for the win” bzw. “Aufrüsten für den Weltfrieden” scheint von unglaublichem Gespür für globale Gerechtigkeit getrieben, sämtliche Grenzen menschlicher Innovationskraft gesprengt zu haben. Neues(= “a bissl” mehr Raketen) wurde in filigraner Detailarbeit  mit Altem(= auf keinen Fall mit den Russen, denn “a bissl” Kalter Krieg muss schon sein) kombiniert, um die Endlösung in der Harmoniefrage endlich abfeuern zu können.

Zum Glück dreht sich die Erde weiter um die eigene Achse, auch wenn der Horizont der Politik das Gleiche macht. Kriege für Geld, Geld für Kriege und der kleine Mann plappert frech dazwischen: Was kriege ich eigentlich für mein Geld? Na ein nagelneues schickes Raketenabwehrsystem! Wie das brauchst du nicht? Anscheinend hast du zu unzureichend Werbung für Spielzeug in der Kindheit geschaut und eine Intoleranz gegenüber der Gehirnwäsche des Militärs aufgebaut, falls dies der Fall ist: Selbst schuld! Denn Krieg, das bedeutet Spass für alle und zwar immer. Für groß und klein, Cowboy und Indianer, Nazis und Kommunisten, Jedi und Sith, El Barto und Rektor Skinner etc. Einfach für alle bis auf dieses Harmoniefaschischtenökohippiepack, welches ernsthaft Wert auf Frieden und Verstand legt*gäääääääääähn*. Aber hey, solche Spassbremsen gibts eh immer und morgen scheint ja doch wieder die Sonne für herrliches Bombenwetter, denn die nächste NA(h)TO(d)-Erfahrung wartet schon.

Aber im Ernst, für den sicheren Erhalt der Wissenschaft ist ein europäisches Raketenabwehrsystem unabdingbar. Wieviele Seiten in Physiklehrbüchern müssten im traurigen Weiß gekleidet bleiben, wenn die Berechnung ballistischer Flugkörper ohne sympathische Beispiele aus der Wirklichkeit komplett wegfiele. Nicht auszumalen was passieren könnte, wenn solch gravierende Wissenslücken am gereiften Baume des physikalischen Geistes nagen würden. Am Ende wäre unser Land noch gesteuert von einer hirn- und meinungslosen Physikerin, die den Irak-Krieg befürwortete und aus einem Helmut Kohl-Abszess entstand. Aber zum Glück haben wir ja…Angelo!

Die Krise in einem Satz: Bankster und ähnliche Finanzzecken verzocken sich, woraufhin sie von Staaten gerettet werden müssen, woraufhin sich diese verschulden, woraufhin alle den Staaten Vorwürfe machen. Ein erquickender Kreislauf beginnt.

Es ist ein alter Hut. Natürlich ist in allen Themenbereichen zu beobachten, dass Ursachen möglichst schnell und  BILD-gerecht serviert werden müssen, um die anstrengende Wahrheit zu verstecken. So sind Killerspiele selbstredend für alle Amokläufe zuständig, alle Anschläge auf Kosten des Islams zu berechnen und keiner für die Neonazis verantwortlich, weil es diese ja gar nicht gibt.

Aber wie es die Politik in der Finanzkrise doch tatsächlich schafft Ursachen zu verdrängen und gleichzeitig eine freiwillige Selbstkastration nach der nächsten zu vollführen, ist wirklich verblüffend. Man lässt Schuldzuweisungen über sich ergehen als könne man sich daran ergötzen, stets vom großen Bruder für die vom ihm fabrizierten Streiche gerade stehn zu müssen und die angerichteten Schäden vom eigenen Taschengeld zu bezahlen. Alles aus Angst der große Bruder könnte der kleinen Politikschwester vielleicht einen bösen Rating-Buchstaben ins Benimmheft malen und ihr damit einen Kredigunwürdigkeitshaken verpassen, der sie ins finanzielle K.O. taumeln lässt.

Ja einer dieser Glasmurmelgucker der gr0ßen Finanzbrüderinstitute müsste man sein. Einfach als Investmentdancer um die reale Wirtschaft tanzen, als wäre sie ein Lagerfeuer, dem man nicht zu nah kommen sollte, will man vermeiden, dass die unrechtmäßig angehäuften Geldscheine verpuffen. Hauptsache man erklärt sich in Expertensprache und wirkt dabei stets seriös, elegant und ein wenig schmierig. Echt ein lässiger Job. Außer man wacht aus der eigenen Geldgiertrance auf, merkt in was für einer Jauchegrube man getaucht ist und muss schnell aus dem 20. Stock des Lehmann Brothers Gebäude hüpfen. Aber ansonsten.

Alles reine Psychologie. Die Schuld in die Sandalen der Unschuldigen zu pressen, kann eine rentable Berufung sein, solange die Politik sich weiterhin opfern lässt. Und das tut sie gern. Niemand der Regierenden fragt mehr nach einer Regulierung des Finanzwesens, weil es schließlich das “scheue Reh des Kapitals” aufscheuchen könnte, welches dann mit ängstlichen Augenaufschlag über die Blumen umsäumte Wiese flink davon huschen muss.

Doch leider ist dieses süße Rehkitz des Kapitals, ein ausgewachsener parasitärer Allesfresser, der mit Raffzähnen, so groß wie das aufgekokste Ego eines Michel Friedman, sämtliche Lebensformen niederreißt. Als besondere Delikatesse gelten die finanziell Ausgehungerten, denn deren Wehrfähigkeit ist bekanntlich immernoch am leichtesten zu brechen.

Solch einer Mutation kann man eigentlich nur Angst machen, indem ihr der Spiegel vors Gesicht gehalten wird und man die Schrecksekunde nutzt es anzuleinen. Diese Aufgabe muss die Politik endlich übernehmen.

Sonntag – die Hiobsbotschaft unter den Wochentagen, lässt in einem verregnetem Chemnitz selten Spielraum für Euphorie. So beschleicht mich sonntäglich meist das Gefühl, der Montag tritt mir vorab schonmal in die Eier, um mir die anbrechende Woche schmackhaft zu machen. Dementsprechend verliefen auch die medialen Ereignisse.

Die totgetretene und danach zu Recht angezündete, bespuckte und feierlich mit Jauche übergossene Arbeitausnehmer-Partei zieht wieder in einen Landtag ein. Zum Glück nur im Vorort von Dänemark, jedoch ist derzeit dem kleinsten Kuhkaff keinerlei FDP-Beteiligung zu gönnen. Aber die Meinungsmache der Springer-Presse und Öffentlich-Rechtlichen haben Lindner und Kubicki, und somit den ganzen Kothaufen der Liberalen, erfolgreich wiederbeatmet. Denn verändert hat die FDP in ihrer substanzlosen Programmatik rein gar nix. Es sind die gleichen neoliberalen Ausbeuterdoktrin, die sie und die globale Wirtschaft in den Niedergang führten, welche sie nun im komplett anderen Lichte erstrahlen lassen. Es scheint als hätten die Medien den richtigen Glanz gewählt, in dem sich die Verblendung der trägen Wählerschaft wieder voll entfalten kann. Naja, wenigstens sind die dreckigen Kommunisten raus aus dem Landtag, es könnte sich ja wirklich jemand für Veränderung einsetzen und dann drehe ich am Ende noch sonntags am Hamsterrad sozialistischer Misswirtschaft.

Oder uns ergeht es ähnlich den Franzosen. Dieser Hollande fällt nicht nur durch seinen Namen negativ auf. Nein, der neue Präsident Frankreichs möchte verkrüppelten EU-Staaten doch tatsächlich wieder auf die Beine helfen. “Und wie sollen sie dann kaputt gespart werden?”, fragt der neugierig glucksende IWF an dieser Stelle vollkommen legitim. Es könnte hier nämlich tatsächlich zu neuen Methoden in der europäischen Wirtschaftspolitik kommen, die allen Staaten gleichermaßen nutzt. Der deutsche Steuerzahler beschwert sich im Vorraus schon mal, dass er das am Ende alles bezahlen kann. Diesen Satz kann er nämlich rhetorisch und emotional am aufgeladensten vortragen. Aber im Ernst Herr Hollande, mit effektiven Investitionen in Bildung und Forschung so etwas wie die “Pleitegriechen” retten? Das ist doch schon aus rein rassetechnischem Zaziki-Klischeegeschwafel nicht möglich! Außerdem war die EU gerade so schön am auseinanderbrechen, wie soll das denn jetzt mit der deutschen Alleinherrschaft klappen? Wir sind gespannt und beleidigt. Denn wer konnte ahnen, dass selbst unser ästhetisches Flaggschiff, in Form der Kanzlerin, als Wahlkampf-”Helferin” für Sarkozy nicht genügen würde? Damit haben sich die Franzosen eindeutig ihren Platz an der deutschen Sonne verspielt und werden bei unserer nächsten Welteroberung mal wieder nur den Überfallenen spielen dürfen.

Die Hütchenspielerein mancher Banken enden  in subventionierten Hilfestellungen in Höhe von einer Billion. Als würde man einem verwöhnten Rotzbengel, der nicht durch Eigenleistung sondern durch seine geldgebenden Eltern bereits in Geld schwimmt, für einen wiederholten Diebstahl mehr Taschengeld in die Finger pressen, um ihn doch endlich in verzweifelt dümmlicher Naivität konditionieren zu wollen.

Die Sahel-Zone steht vor einer der größten Hungerkatastrophen, die für mehrere Millionen Menschen den Tod bedeuten kann und bisher wurden 45 Millionen an Hilfen zugesichert. Es scheint als würde dem in der hintersten Schulhofsecke vergessenem Kind das einzige Pausenbrot gestohlen und die Pausenaufsicht würde zwar helfen wollen, kann momentan aber nur mit einer luftgefüllten Plastiktüte dienlich sein, um seine komplette Energie in die sanftmütige Erziehung des Rotzbengels zu stecken. Dafür müsse doch Verständnis da sein, man kann sich ja schließlich nicht um alles kümmern.

Banken und Hungernde. Auf der einen Seite wird Geld und auf der Anderen das Leben einfach so verbrannt.

Aber darüber wird hierzulande ja nicht mal öffentlichkeitswirksam diskutiert, geschweige denn nachgedacht. “Die Sahel-Zone kann verrecken, genauso wie die Griechen. Schließlich sind das alles nur wieder Kosten die der Steuerzahler hier abbuckeln muss.” Großer Schwachsinn. Anstatt einmal den Spieß umzudrehen und das Geld von den Zockern zurückzuverlangen und es sinnvoll für die Menschen zu verwenden. Nein, es wird stillschweigend lokal im Lokal gejammert, mal lauter mal leiser. Protestiert wird dagegen stets vereinzelt und verweichlicht. Solange dies der Fall ist bleibt die Weltkugel ein Spielball für einige Wenige. Während intellektuelle Grüppchen sich mit Wissensanhäufungen am hoch komplexen Duktus ergötzen, erstickt das gemeine Volk im geistigen Morast des Privatfernsehens. Im dümmer, ärmer, trotzdem fetter machenden Kapitalismus bleibt das Hirn im Stand-By-Modus und wird nur eingeschaltet wenn es die nächste Portion Populismus wiederkauen soll, damit die Fiktion der persönlichen Meinungsbildung weiterhin künstlich beatmet wird.

Während die Eliten sich über den genauen Grad des Winkels der Schieflage unseres Planeten inbrünstig streiten, kippt alles um. Daher sollten kluge Gedanken lieber konzentriert und auf den einfachsten Nenner beschränkt als Losungen für einen echten Wandel verkündet werden, um mit den richtigen Foderungen auch mal wieder eine breite Masse erreichen zu können.

Die Kritik an der Piratenpartei schien mir zu Beginn ihrer Existenz durchaus berechtigt, denn sie war ein chaotischer und undurchsichtiger Klumpen aus Forderungen für ein freies Internet. Was sich momentan abspielt gleicht jedoch dem diffamierenden Kampagnenjournalismus gegenüber der Linkspartei.

Jetzt wo die Partei unter dem Druck der Landtagswahl-Erfolge beginnt ihr Themenspektrum(Parteiprogramm) zu erweitern, sich ein Profil zu zeichnen und immer mehr Kompetenz zu erarbeiten versucht, gerade jetzt bläst der Gegenwind am stärksten. Dies ist nur auf den ersten Blick paradox.

Denn jetzt wo die Piraten nicht mehr nur eine Spasspartei sind, werden sie nämlich zur direkten Bedrohung der verkrusteten Parteienlandschaft, welche sie aufzubrechen ersucht. Daher kann sie das negative mediale Echo durchaus als Erfolg verbuchen und sich auf dem richtigen Weg fühlen. Jedoch wird ihr Wählerpotential durch die öffentliche Darstellung erheblich eingeschränkt, vor allem bei Menschen ohne Internetzugang.

Die letzten Monate haben gezeigt, wie stark die reale Angst der Politik vor einem wirklichen Wandel ist. Man scheut sich demokratische Teilhabe der Bevölkerung und echte Transparenz im politischen Prozess durchzusetzen, wie sie die Piratenpartei fordert. Viel zu lang hat man schließlich Kontakte mit verschiedenen Lobbyzweigen aufgebaut und viel zu lang wurde daran getüftelt Gesetze in Hinterzimmern durchzubringen, als dass die bisherigen Strukturen so einfach weggefegt werden dürften.

Leider funktioniert der Mensch nämlich so. Hat er erst einmal Arbeit oder Geld über einen längeren Zeitraum in eine bestimmte Sache investiert, vermag er es nicht einzusehen, dass der bisherige Weg falsch gewesen sein könnte. Zu groß ist die Angst, die bisher aufgebrachte Energie könnte verschwendet worden sein. Offensichtliche Fehler werden schnellstmöglich ignoriert oder wegrationalisiert. Damit wächst zwar der angehäufte Haufen an Sinnlosigkeit im eigenen Wirken, man wird jedoch stets geübter darin ihn zu verkaufen.

So sind die Piraten für die etablierten Parteien viel zu irrational oder gar nicht erst ernst zu nehmen, obwohl sie genau den richtigen Nerv getroffen haben um eine entpolitisierte stumpf bleibende Masse wieder für Politik zu interessieren. Dabei ist es nicht nur die Netzpolitik, die die Menschen bewegt wieder wählen zu gehen und sich vorab zu informieren, sondern das ehrliche Auftreten der Piraten insgesamt. Denn das Zugeben der Unwissenheit zeugt von mehr Größe, als es jede kunstvoll zusammen gestammelte ausweichende Sprechblase jemals künstlich kreieren könnte.

Der fortschreitende Erfolg dieser Partei wird daher weder durch abfällig arrogantes Geschwätz über die Piraten noch durch halbherzige Kopien ihrer modernen Programmatik aufgehalten. Denn die etablierten Parteien haben längst nicht verstanden, dass die Piraten nur ihretwegen existieren und auch erst dann überflüssig werden, wenn sie begriffen haben inwiefern sie längst überflüssig sind.

PS: Daher sind die unangebrachten Wortwitze zahlreicher Medien, welche stets verkrampft Bezug von der Piratenpartei zu den ehemaligen Fischern aus Somalia herstellen wollen, zumindest in einem Punkt gar nicht so weit hergeholt. Denn beide Gruppierungen tun was sie tun, weil sie ihre Umgebung dazu zwingt.

 

Wenn ich mich entschieden gegen Antisemitismus ausspreche, Mitglied der Waffen-SS war und eine Israelkritik im dementen Halbschlaf hinrotze, sollte ich mich bei der nächsten Bar Mitzwa zurückhalten und mein neustes Werk eher vorsichtig unter das Reichsvolk bringen. Soviel steht fest. Aber ausflippen, nur weil wieder mal ein alter Mann mit Brille und SPD Zugehörigkeit Ehrlichkeiten ausspricht, die das Volk nun mal bewegt, ich bitte Sie! Klar muss man sich durch diesen blamablen Gedichtsversuch quälen und stolpert hier und da durch das geistige Unterholz einer ergreisten Schriftstellerhülle, aber recht hat er doch oder?

Oh nein. Bin ich jetzt schon ein Antisemit und damit Mitglied der Linkspartei und damit, laut Erika Steinbach, wiederum NSDAP-Mitglied? Ich bin verwirrt. Die wirtschaftliche wird ungehemmt von der sprachlichen Inflation überholt, und während ich versuche sie am Hemdärmel zu greifen, tapse ich in die nächste Falle eines verbalen Feindbildes.

Die Folgen dieser Hyperinflation sämtlicher Bezeichnungen für Intoleranz sind fatal. Wenn jeder Antisemit ist, ist es irgendwann niemand mehr. Dann erst kann der Antisemitismus beruhigt die Picknick-Decke unter den Wäldern der Medienlandschaft ausbreiten und sich im Schatten der Desensibilisierung satt fressen und wachsen. Denn die Desensibilisierung eines Begriffes führt zur Abstumpfung, welche in der Folge der Unkenntnis den Nährboden bereitet. Wohin diese Unkenntis führt, brauche ich niemandem erzählen, schließlich wurde von ebendieser im kollektiven Maßstab vor drei Jahren eine Schwarz-Gelbe Regierung ermöglicht.

So hoffe ich, dass wir lernen eine stümperhafte politische Analyse von einer ideologischen Hetzschrift zu unterscheiden und nicht jeden Grasshalm zum Mammutbaum heranwachsen lassen. Die Würdigung von wirklicher Literatur steht uns allen besser zu Gesicht.

Obskure Gestalten diese leguanartigen Wesen. Die beeindruckenden Farbwechsel dieser Reptilien zur ängstlichen Anpassung an ihre Umgebung erfolgt in Windeseile, sodass man ihnen die vorherige äuffällig dumme Farbwahl gern verzeihen mag.  Ansonsten wirken sie auch mehr als friedlich. Erkennen sie jedoch schwächere Kleintiere schnappen sie zu, obwohl man es ihrer harmlos merkwürdigen Physis in solch einer Brutalität nicht zugetraut hätte. Ebenso wenig wie die tiefenscharfe Auffassungsgabe. Denn ihre Augen sind, dank stetiger unabhängiger Rotationsmöglichkeit, in allen Winkeln und Privatssphären der Dschungelbewohner.

Wir können nur lernen von der Profillosigkeit der Regierungschamäleone deren Anpassung bei Themen wie Atomkraft, Mindestlohn, Rechtsextremismus etc.  so schnell vollzogen wird, dass dem Wähler vor Schwindel schnell schwarz vor Augen wird. Wer nur noch schwarz sieht, färbt dann natürlich auch den Wahlzettel entsprechend. Je nach Tageslaune fällt die Entscheidung für eine pseudo avantargardistische purpurne SPD-Schwärze oder man lässt sich doch im vertrauten CDU-Orange anschwärzen. Heraus kommt lediglich leicht anders gewürzte Einheitsbreisülze aka Politik-is-mir-doch-scheissegal-Stimmung. Und genau diese Stimmung ist für Chamäleons überlebenswichtig, ansonsten wären einige Farbwechsel nämlich gleichbedeutend mit ihrem Ende, denn sie würden der beobachtenden Masse tatsächlich auffallen…

Ich vegetiere faulenzend in der Sonne Hurghadas(= Resthirnabsauger für trotz Diarrhoe immer fetter werdende Europäerherden) und lasse mir vom Ahmed meinen Mojito an den beheizten Pool servieren und zwar Pronto. Schließlich ist im Hotel alles perfekt sauber, das Essen abwechslungsreich kunstvoll dekoriert, mein Bett mit täglich neuem Handtuchorigami verziert und hier am roten Meer eine surreal blühende Landschaft mitten in der Wüste geschaffen wurden. Aber wehe(!) der Muselmann bildet sich ein, jetzt könne er es schleifen lassen. Daher sind meine sensiblen Meckersensoren auf gründlichstes Deutschentum gestellt und mein Beschwerdebrief im Tolkien-Format nur einen schlecht gelaunten Kloputzer entfernt. Doch bis jetzt verläuft der Tag ruhig, zum Glück für die Hotelleitung. Ansonsten werden meine mächtigen Internetkritiken bei Billigurlaub-Websites den ägyptischen Tourismuszweig schneller erodieren lassen, als Ali sein Kamel durch die Wüste jallaht.

Ägypten ist ein Land in dem 40 Millionen Analphabeten leben, ein Dreiklassenschulsystem existiert, Großteile der Bevölkerung in Armut leben und hungern, Muslime gegen Kopten aufgehetzt werden und das Militär auch nach der Revolution alles in der Hand hat.

Wir steigen in Luxor, einer Millionenstadt am Nil, aus und das verdrängte Gewissen der Entwicklungsländer hält seine kleinen Kinderhände auf, um mir eine selbstgenähte Puppe zu verkaufen. Ich geb ein paar Euro ohne zu nehmen. Doch eigentlich bezahle ich gar nichts. Nie. In Wahrheit lass ich mir den Wohlstand jeden Tag bezahlen, auf dem Rücken von Menschen die im Überlebenskampf Billigprodukte für unseren Geiz produzieren. Und dann fahre ich mal kurz hier her um zu glotzen.

Dann folgt Flugzeug, Alltag und Vergessen.

An manchen Tagen wäre ich gern wieder ein blinder Konsument, dessen Horizont durch das neueste Produkt seines Lieblingslabels bis ins Detail perfekt gezeichnet wird und im modisch zeitlos schicken Design daherkommt. Gedanken an die Zukunft werden einfach auf das Erscheinungsdatum des nächsten revolutionären Apple-Produkts geschrumpft. Wie schön das doch sein muss, den Inhalt des Lebens mit unbewusster Kaufsucht zu füllen. Zumal hier keinerlei maximale Füllhöhen gesetzt sind, es geht immer edler und teurer. Der Eine schüttelt es wie Kleingeld aus dem Ärmel, der Andere verschuldet sich halt dafür. Na und?

Es geht auch gar nicht darum ob das Neue mehr oder weniger leistet. Es geht um die Neuartigkeit. Dies beweisen die kampierenden Resthirn entleerten Zombiekonsumenten, die sich bereits Tage oder sogar Wochen zuvor vor den Apple-Stores ein Lager errichten. Denn sie sind zwar die Könige der ferngesteuerten Kaufzwänge, aber halten sich selbst für Könige der Neuartigkeit mit dem Zepter zur Unterdrückung des unwürdig Veraltetem. Die triumphale Freiheitsbewegung des Maghreb Raums ist nichts im Vergleich zum Gefühl neuer als andere zu sein. Freiheit gegen Neuheit, das ist ja wie Schmalzstulle gegen X-tra Long Chilli Cheese Burger. Zu mal sich unter den Neuheiten ja auch eine neuere Freiheit verbergen könnte, die ich irgend einem unter die Nase halten kann, der davon noch nix mitgeschnitten hat.

Neugierig gieren wir dem Neuen hinterher als wäre es die Formel absoluter Vollendung menschlichen Daseins. Dieses  “Neu=besser”-Prinzip macht sich natürlich die Politik zu Nutze und bringt immer neue Vorschläge, deren gewissen- und ahnungslose Unverdautheit maulwurfsichtige Entscheidungen zur Folge haben, welche in den meisten Fällen kurz beruhigen aber langfristig alles schlimmer machen. Der Wähler wird als Junkie mit kleinen stetigen Impulsschüben ruhig gestellt, dass die Gedanken an den Entzug erst gar nicht entstehen. So wird Griechenland für gerettet erklärt obwohl das Land jetzt durch Spardiktate erst so richtig zersetzt wird und die nicht vorhandene Wirtschaft in den letzten Bestandteilen auseinanderbricht. So wird das wankende System drumherum niemals angetastet, weil die Schlagzeilen großer Medien mit einer Flut hektischer Rettungsreflexe erstmal besänftigt wurden.

Hauptsache es wurden neue Namen erfunden. EFSM, ESM, EFSF, EHEC, ESEL  oder wie auch immer diese kecken Projekte heissen. Hauptsache eine frische, moderne, knackig kurze Abkürzung kürzt den Denkfluss, da das Gedächtnis schon längst mit wieder und wieder neuen Begriffen ausgestopft wurde. Und so warte ich auf das Neutrum, welches alte Konzepte der Neuzeit anpasst und aus der verstaubten Schublade der Gerechtigkeitsideen eine Reinkarnation der Vernunft kreiert.

 

Ich treff erneut diesen Typ im Zug. Vollkommen belanglos wie er heisst oder aussieht. Schließlich sind wir hier nicht in einem dieser kitschigen Romane, die davon leben, dass die Autoren eine unnötig genaue Realitätsbeschreibung liefern, nur um sich am eigenen Vokabular zu stimulieren. Der Typ ist jedenfalls geistig eingeschränkt und sammelt Flaschen. Diese zwei Punkte sind die Prägnantesten und führen auch zu den meisten Irrwegen seines Alltags, indem ihn die meisten Menschen meiden oder zumindest argwöhnisch beobachten. Denn Flaschensammlern schreibt unsere Gesellschaft gern die Klassifizierung eines Bettlers, Säufers, oder sonst irgendeiner Sonderart ausgestoßenen Gliedes dieser Gesellschaftskette zu. Dann kommt erschwerend die Sprachstörung und der Gestank der gesammelten Bierflaschen hinzu, welches die Vermutung in den vorgefertigten Meinungsschablonen vieler Menschen bestärkt, dass es sich um einen Alkoholiker handeln müsse. Mal abgesehen davon, dass die physische Abhängigkeit dieses Giftes den freien Geist sehr schnell regiert, ist es eine Frechheit wie schnell wir verachtend oder verdrängend dem Unbekannten erscheinen. Ich hasse es.

Ich komme mit ihm ins Gespräch und frage warum er sich diesen anstrengenden Scheiss antun muss. Die Sache ist schnell erklärt: seine Invalidenrente reicht nicht fürs Überleben. Überleben in unserem Maßstab. Denn er möchte seiner Nichte gern auch etwas zum Geburtstag schenken, auch wenn er auf Familiengeburtstagen nicht gern gesehen wird oder wenigstens einmal im Leben verreisen. Aber so wichtig wäre ihm das nicht, er sagt es macht ihn schon zufrieden eine Aufgabe zu haben. So hält er die Züge sauber, kommt manchmal mit Menschen ins Gespräch und muss außerdem nicht alleine daheim rumsitzen. Ich habe ihn schon des öfteren auf der gleichen Strecke getroffen und er ist immer gut gelaunt und hat für jeden ein nettes Wort parat, vorausgesetzt man entgegnet ihm ebenfalls freundlich. Den Rest ignoriert er einfach. All die „Verpiss dich einfach!“, „Du stinkst, du scheiss Penner“ und „Such dirn richtigen Job du Alki!“-Antworten übergeht er einfach solange er es kann. Wenn er jedoch von angetrunkenen Jugendlichen bespuckt wird, dann verlässt er lieber den Zug um physische Schläge zu vermeiden.

Scheisse verdammt, denk ich bei mir, dieser Typ ist ein Held! Er macht etwas Vernünftiges; komplett freiwillig; für scheiss wenig Geld und zieht es, trotz allem abartig perversem Gegenwind der ihm entgegen schießt, einfach jeden Tag durch. Ich sollte viel mehr von seiner Bescheidenheit, Offenheit und Ehrlichkeit besitzen, weil es mir im täglichen Miteinander niemals so schwer gemacht wird wie ihm. Aber dennoch spüre ich zu oft diese typisch deutsche grundlose Verbitterung, die mir aus dem Nichts heraus antrainiert wurde. All die Selbstentfremdung  und Frustration wird mir beim Blick auf das Leben dieses Mannes und seine Charakterstärke unheimlich surreal. So ungeheuer unwirklich, dass ich es lächerlich finde, was ich gerade noch als Problem sah. Ich hör auf mal wieder alles zu hassen und beginne drüber zu schmunzeln. Ja, er ist wirklich ein Held dieser Typ!

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.